Anja Dietrich-Nähle – Leiterin der Stadtbücherei in Coesfeld
Beruflicher Hintergrund & Werdegang.
Da meine Mutter gelernte Bibliothekarin ist und ich als Kind viel Zeit in Bibliotheken verbracht habe, lag der Berufsweg für mich sehr nah. Nach meinem Schülerpraktikum im Grimm-Zentrum der HU Berlin stellte ich schon früh fest, dass ich in diesem Bereich studieren will. Da ich nach dem Abi gern weiter von zu Hause weg wollte, studierte ich Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der HTWK Leipzig.
Nach meinem Bachelor-Studium ergriff ich dann mutig die Gelegenheit, direkt eine Leitungsstelle an der Stadt- und Kreisbibliothek Klötze anzunehmen. In den ca. 1,5 Jahren konnte ich dort von meiner Kollegin viel lernen und wurde mutiger.
Schließlich zog es mich aber doch in eine etwas größere Stadt und so übernahm ich 2020 mit 23 Jahren die Leitung der Stadtbücherei in Coesfeld. Aufgrund meines damals noch so jungen Alters brachte die WDR Lokalzeit sogar einen Bericht darüber. Das war damals super aufregend für mich. Zusammen mit meinem Team konnte ich seitdem vieles für die Stadtbücherei Coesfeld umsetzen und entwickeln.
Im Studium habe ich ehrlicherweise vor allem einen Job gesucht, der mir das Essen auf den Tisch bringt und mich ab und an auch mal in den Urlaub fahren lässt. Wie vielseitig, wichtig und sinnstiftend die Arbeit in Bibliotheken ist, erstaunte mich schon im Studium.
Hier mehr über die Stadtbücherei Coesfeld erfahren.
Bildnachweis Beitragsbild Anja Dietrich-Nähle: © Anja Dietrich-Nähle
Persönliche Erfahrungen
In den letzten Jahren habe ich vor allem die Freiheit und Selbständigkeit, die der Arbeitsplatz in einer Bibliothek für mich bietet, sehr zu schätzen gelernt. Ich liebe die Vielseitigkeit der Tätigkeiten und die unterschiedlichen Charaktere mit denen ich durch Kooperationen, Veranstaltungen aber auch im normalen Berufsalltag z.B. in der Stadtverwaltung zusammenarbeite. Am allermeisten gefallen mir die leuchtenden Kinderaugen, wenn sie gerade die Bücherei entdecken.
Außerdem mag ich es, dass dieser Beruf mich immer wieder herausfordert. Moderationen zu übernehmen, hätte ich mir zum Beispiel nie zugetraut, aber erstaunlicherweise macht mir das sogar Spaß, nachdem ich es mal ausprobieren musste,
Sinnstiftung & Mehrwert.
Es gibt außerdem nicht viele Arbeitsfelder, in denen man die Entwicklung ganzer Familien so nah miterleben kann. Wenn ich sehe, wie wir bei Schulführungen Kinder erreichen, die zum ersten Mal eine Bibliothek von innen sehen und vor Ehrfurcht fast erstarren bis sie die PlayStation® sehen, erfüllt es mich jedes Mal mit Stolz, wenn uns diese Kinder später freiwillig in ihrer Freizeit aufsuchen und irgendwann mal etwas zu Lesen mit nach Hause nehmen.
Zu sehen, wie wichtig eine Bibliothek im Lebensweg mancher Menschen sein kann, hat meinen Blick stark geprägt. Ich will nicht mehr nur das richtige Medium empfehlen können. Ich möchte einen Mehrwert für die Bevölkerung vor Ort schenken, Wissen teilen, durch den undurchdringlich scheinenden Mediendschungel führen, Verantwortung für unsere Demokratie übernehmen und zu Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit beitragen.
Vor allem aber, und das ist nach den derzeitigen Entwicklungen mein Hauptziel, will ich die Stadtbücherei in den nächsten Jahren auch für Menschen attraktiv und zugänglich machen, die aus welchen Gründen auch immer nicht oder nur schwer lesen und schreiben können.
Empfehlungen.
So wie die Helden aus den Büchern in unseren Regalen leiden und leben auch wir. Wer in Bibliotheken arbeiten möchte, darf keine Angst davor haben, wie Don Quijote gegen Windmühlen zu kämpfen. Mit der Leichtigkeit und Verrücktheit einer Pippi Langstrumpf in Klassenführungen einzusteigen, sollte keine Hürde darstellen. Und wie der Buchspazierer die richtigen Bücher im richtigen Moment zu den richtigen Menschen bringt und ganz nebenbei auch noch das gesamte Netzwerk seiner Kund:innen miteinander verwebt, beschreibt unsere tägliche Arbeit vielleicht am besten.
Ich glaube, dass lösungsorientiertes Verhalten, eine große Offenheit gegenüber neuen gesellschaftlichen Herausforderungen und sehr gute Kommunikations- und Teamfähigkeit die Arbeit wesentlich leichter werden lassen.
Entwicklungen & Zukunftsaussichten.
Aufgrund der derzeitigen finanziellen und personellen Herausforderungen in Bibliotheken ist unsere Kollegialität und die Pflege unserer Community wichtiger geworden und sollte in Zukunft verstärkt eine Rolle spielen.
Ich glaube auch, dass wir unsere politische Wirkkraft oft noch unterschätzen. Wir könnten viel selbstbewusster mit unserem Wirken für eine demokratische Lebensweise nach draußen gehen, uns zeigen und die Menschen um uns herum zu unseren Unterstützern machen. Wir stehen zunehmend selbst im Fokus von Machtspielen und Anfeindungen, gerade wenn es um Zensur und Meinungsbildung geht. Ohne die Unterstützung aus der Politik und ohne die Bevölkerung um uns herum, werden wir es in Zukunft vielleicht schwer haben. Umso wichtiger finde ich es, die politische und mediale Aufmerksamkeit in solchen Fällen für uns zu nutzen. Wir brauchen eine rechtlich bindende Grundlage für unser Wirken und die bekommen wir nur, wenn wir gemeinsam laut sind.
Ich bin daher sehr froh, dass sich Bibliotheken zunehmend auch für Quereinsteiger:innen öffnen und wir so noch vielfältiger und diverser werden können. Gerade im pädagogischen Bereich in Öffentlichen Bibliotheken halte ich diese Herangehensweise mittlerweile für absolut sinnvoll und teilweise auch nötig. Trotzdem sollten wir Bibliothekar:innen und unsere FaMIs weiter in Ehren halten. Für so viele Aufgaben im Bibliotheksbereich, sind sie einfach unsere Spezialisten. Dafür benötigen sie aber eine adäquate und vor allem zeitgemäße Ausbildung – FaMIs genauso wie Bibliothekar:innen.



