Nils Arndt – Sachgebietsleitung Vermittlungsarbeit und Medienbildung, Stadtbibliothek Hannover
Beruflicher Hintergrund & Werdegang.
Nach der mittleren Reife hatte ich mich für eine Berufsausbildung entschieden, die ich im Winter 2003 erfolgreich abgeschlossen habe. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich nicht dauerhaft in diesem Berufsfeld arbeiten möchte. Vor allem durch ein Studium wollte ich meine beruflichen Perspektiven erweitern. Dementsprechend folgte der Erwerb der Fachhochschulreife. Nach einigen Umwegen habe ich meinen Platz an der Fachhochschule Potsdam im Studiengang Bibliotheksmanagement gefunden. Mit Bibliotheken hatte ich schon früh Berührungspunkte, unter anderem durch meine Mutter, die in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) als Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste tätig war.
Ich habe Bibliotheksmanagement (B.A.) an der Fachhochschule Potsdam und Bibliotheks- und Informationswissenschaft (M.A.) an der HTWK Leipzig studiert. Dabei war es mir wichtig, einen Beruf zu wählen, der einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leistet und dazu beiträgt, dass Menschen sich wohlfühlen. Nach dem Studium war ich fünf Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Hochschulbibliothek der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe tätig. Schwerpunkte waren der Aufbau eines Repositoriums sowie vielfältige Aufgaben im Kontext der Benutzungsdienste. Darüber hinaus konnte ich umfangreiche Erfahrungen im Marketing sammeln. 2021 wechselte ich zur Stadtbibliothek Hannover und übernahm die Leitung der Stadt- und Schulbibliothek Bothfeld. Im November 2023 wechselte ich in die Zentralbibliothek als neue Sachgebietsleitung für das Team Vermittlungsarbeit und Medienbildung.
Mein Verständnis von Bibliotheksarbeit hat sich im Laufe der Zeit deutlich erweitert. Bibliotheken befinden sich kontinuierlich in einem Transformationsprozess und richten sich zunehmend an den Bedürfnissen der Nutzenden aus. Die klassische Bibliotheksarbeit bleibt dabei ein zentraler Bestandteil, insbesondere im Kontext der Informationsversorgung, etwa durch Tagespresse, Belletristik und Sachliteratur. Gleichzeitig wächst die Bedeutung neuer Angebote und Aufgabenfelder, zum Beispiel Formate im MINT-Bereich, Makerspaces, Self-Services, Outreach-Angebote, Sonntagsöffnung sowie Maßnahmen zur Steigerung der Aufenthaltsqualität. Insgesamt hat sich meine Wertschätzung für Bibliotheken als gemeinschaftsorientierte Orte verstärkt, die ihr Angebot kontinuierlich weiterentwickeln und erweitern.
Hier mehr über die Stadtbibliothek Hannover erfahren.
Bildnachweis Beitragsbild Nils Arndt: © Nils Arndt
Persönliche Erfahrungen
Was ich an meiner Arbeit am meisten schätze, ist die konsequente Ausrichtung an den Bedürfnissen der Nutzenden. Viele Entscheidungen und Angebotsentwicklungen entstehen direkt aus konkreten Bedürfnissen. In meinem aktuellen Arbeitsbereich schätze ich besonders die Möglichkeit, als Servicestelle zu wirken und damit die Stadtteilbibliotheken, die Zentralbibliothek und die Ziele der Stadtbibliothek insgesamt zu unterstützen. Zudem können wir als Team – über eigene Mittel oder Drittmittel – Projekte und Formate umsetzen, die Pilotcharakter haben und neue Wege erproben. Besonders wichtig ist mir dabei, niedrigschwellige Angebote zu schaffen, die in der Regel kostenfrei genutzt werden können. Ein Beispiel hierfür ist die Einführung der TechnoThek im April 2025 mit 3D-Druckern, Robotik, VR-Brillen und vielen weiteren Produkten. Diese Angebote werden entweder in begleiteten Workshops oder eigenständig während der Servicezeiten der Bibliothek genutzt.
Meine Leidenschaft für Bibliotheksarbeit wurde vor allem durch die Erfahrung geprägt, dass Bibliotheken Orte sein können, die man ohne konkretes Ziel aufsucht. Als offene Räume, die gegen Vereinsamung wirken und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Darüber hinaus ist die Nutzung der unterschiedlichen Kernleistungen der Bibliothek vor Ort auch ohne Mitgliedskarte möglich. Ein weiterer Aspekt ist die Zusammenarbeit mit externen Initiativen. Bibliotheken stellen Räume und Infrastruktur bereit, während Partnerorganisationen Know-how und Programm einbringen. Ein gutes Beispiel ist das Repair Café. Wir stellen den Raum, die Initiative bringt Fachwissen und Unterstützung mit. Ebenso prägend sind Angebote wie „Bibliothek aufgeschlossen“ zu historischen Beständen oder die Verbindung von Sommerleseclub und begleitenden Veranstaltungen, die in der Regel unentgeltlich genutzt werden können.
Eine besonders schöne Erfahrung war die erste Teilnahme der Stadtbibliothek Hannover an der Code Week 2024. Viele Kinder nahmen nicht nur an einer einzelnen Veranstaltung teil, sondern besuchten teilweise vier bis fünf Angebote. Aufgrund dieser Resonanz hatten wir das Programm zur Code Week 2025 auf knapp 50 Workshops ausgeweitet; der Erfolg war erneut riesig. Ebenfalls wichtig ist für mich das Programm „Lesementoring“, bei dem Grundschulkinder über ein Schulhalbjahr hinweg von älteren Schülerinnen und Schülern begleitet werden, um ihre Lesekompetenz systematisch zu stärken. Des Weiteren unterstütze ich gern das Literaturfestival Salto Wortale. Gemeinsam mit zahlreichen Partnerinnen und Partnern wird ein umfangreiches Programm auf die Beine gestellt, das aktiv von Schulklassen genutzt wird.
Sinnstiftung & Mehrwert.
Öffentliche Bibliotheken sind Orte, an denen vielfältige Interessen parallel bedient werden können. Neben digitalen Beständen wie eBooks, eJournals, ePapers sowie Streamingangebote für Hörspiele, Musik, Filme und Serien bieten sie ein breites analoges Spektrum an. Hierzu zählen u.a. Bücher und Zeitschriften, Blu-rays, DVDs, Gesellschaftsspiele, Tonies, iPads, eReader, Musikinstrumente sowie eine „Bibliothek der Dinge“. Darüber hinaus ist der physische Ort selbst ein zentraler Mehrwert für Schülerinnen und Schüler sowie Studierende als Lern- und Arbeitsort. Familien nutzen den Ort als Treffpunkt mit Bilderbuchkino und kreativen Mitmachangeboten. Bibliotheken bereichern damit die Freizeit- und Lerngestaltung ihrer Nutzenden. Auch beruflich unterstützen sie durch Fachliteratur und durch kleine Wissensimpulse, zum Beispiel über Vorträge oder Formate wie die MethoThek. Im informellen Bildungssektor sind Bibliotheken insbesondere in Kooperation mit Schulen zur Förderung von Informations- und Medienkompetenz wichtig. Nicht zuletzt sind Bibliotheken soziale Orte, an denen man selten allein ist. Begegnung und Austausch entstehen dabei oft ganz selbstverständlich.
Bibliotheken können gesellschaftliche Themen aktiv aufgreifen und Räume für Teilhabe schaffen. Dazu gehören die Förderung von Demokratie- und Informationskompetenz, der verlässliche Zugang zu Quellen sowie die Bibliothek als Ort des Diskurses. Zudem stellen Bibliotheken Räume für Initiativen und Vereine bereit, die ihr Engagement sichtbar machen und Angebote für die Stadtgesellschaft anbieten möchten.
Die Stadtbibliothek Hannover bietet u. a. Gruppenarbeitsräume und Einzelarbeitsplätze, einen 24/7-Zugang zu digitalen Angeboten sowie Beratung und Servicesprechstunden (vor Ort und online). Hinzu kommen Lesungen, Workshops (z. B. zu Soft Skills über die MethoThek), MINT-Angebote und Medienbildung (z. B. über die TechnoThek), Lesemotivation und Leseförderung (u. a. Sommerleseclub) sowie Kooperationen, beispielsweise als Partnerin des Kinderkulturabos der Landeshauptstadt Hannover. Ergänzend gibt es kreative Angebote, einen Gesprächskreis Deutsch für Migrantinnen und Migranten sowie partizipative Formate zur Weiterentwicklung des Angebots. Klassische Services bleiben ebenfalls zentral: Fachauskünfte, Fernleihe, Kopier- und Internetangebote sowie ein professioneller Auflichtscanner. Eine hohe Aufenthaltsqualität trägt ergänzend dazu bei, dass die Bibliothek als attraktiver Ort genutzt wird, einschließlich eines Snack- und Getränkeautomaten.
Empfehlungen.
Ich würde die Arbeit in Bibliotheken empfehlen, weil sie sich kontinuierlich mit dem gesellschaftlichen Wandel weiterentwickelt. Zudem ist die Bibliothekslandschaft enorm vielfältig: Selbst innerhalb eines Bibliothekstyps, z. B. „Öffentliche Bibliotheken“, unterscheidet sich die Gemeindebibliothek von der Großstadtbibliothek mit zusätzlichen Stadtteilbibliotheken. Hinzu kommen Universitäts- und Hochschulbibliotheken, Nationalbibliotheken, Landesbibliotheken, Forschungsbibliotheken etc., die jeweils eigene Anforderungen und Zielgruppen haben können. Trotz dieser Unterschiede gilt: Entscheidungen werden in der Regel konsequent an den Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer ausgerichtet. Wer gern nah an Menschen arbeitet, gesellschaftliche Entwicklungen mitgestalten möchte und Abwechslung sucht, findet in Bibliotheken ein sehr sinnstiftendes Arbeitsfeld.
Wer sich für eine Bibliothekskarriere interessiert, sollte sich früh überlegen, mit welchen Zielgruppen er oder sie arbeiten möchte – etwa Kinder und Familien, Studierende, Forschende oder eine breite Stadtgesellschaft. Davon hängt oft die Wahl des Bibliothekstyps und der passenden Einrichtung ab. Wichtig ist außerdem zu berücksichtigen, dass Bibliotheken vor Ort häufig eine monopolistische oder oligopolistische Struktur haben. Ein beruflicher Aufstieg oder Wechsel kann daher mit einem Ortswechsel verbunden sein. Für leitende oder strategische Positionen ist in der Regel ein einschlägiges Studium erforderlich – für den höheren Dienst in der Regel ein Masterabschluss. Wer „hoch hinaus“ möchte, sollte daher die formalen Qualifikationswege von Anfang an mitdenken.
Die Anforderungen hängen stark vom jeweiligen Aufgabengebiet ab. Der Geschäftsgang in der Medienerwerbung unterscheidet sich deutlich von Projektarbeit, Veranstaltungsmanagement oder strategischer Entwicklung. Dennoch gibt es einige übergreifende Kompetenzen, die in nahezu allen Bereichen hilfreich sind. Wesentlich sind Neugier auf Entwicklungen in der Bibliotheks- und Informationswelt, Offenheit für Veränderungen und die Bereitschaft, Neues auszuprobieren. Hinzu kommt Kommunikationsfähigkeit – sowohl im Kontakt mit Nutzenden als auch in der Zusammenarbeit mit Kolleginnen, Kollegen und externen Partnerinnen. Fachliche Routinen, Tools und Detailkenntnisse lassen sich mit der Zeit durch Berufserfahrung und Fortbildungen gezielt aufbauen.
Teamarbeit, agile Methoden und Kommunikation sind für meine Arbeit zentral. Viele Angebote, Projekte und Services entstehen nur im Zusammenspiel unterschiedlicher Organisationseinheiten. Abstimmung, transparente Informationsweitergabe und verlässliche Absprachen sind notwendig, um Ressourcen sinnvoll zu nutzen und Angebote konsistent umzusetzen. Die Kommunikation nach außen spielt ebenfalls eine große Rolle, bspw. im Austausch mit den Nutzenden, Kooperationspartnerinnen, Schulen, Vereinen oder der Verwaltung. Rückmeldungen aus diesen Kontakten fließen wiederum in die Weiterentwicklung ein. Erfolgreiche Bibliotheksarbeit ist daher immer auch gemeinsame Arbeit – intern im Team und extern in Netzwerken.
Entwicklungen & Zukunftsaussichten.
Ich gehe davon aus, dass zentrale Aufgaben der Bibliotheken dauerhaft Bestand haben werden. Leseförderung und Lesemotivation, Vermittlungsarbeit sowie die Bibliothek als „Dritter Ort“ der Begegnung, der kulturellen Teilhabe und als Lernort für Einzelne und Gruppen. Auch physische Medien wie Bücher, Zeitschriften und Tageszeitungen werden weiterhin wichtig bleiben, weil sie für viele Zielgruppen verlässlich, vertraut und unmittelbar nutzbar sind. Gleichzeitig könnten sich mehrere Entwicklungen weiter verstärken. Digitale Medien und Services mit 24/7-Verfügbarkeit, ein weiterer Ausbau von MINT-Angeboten, Makerspaces, Co-Working-Spaces sowie mehr Kooperationen und Outreach-Angebote für Schulen und weitere Partnerinnen. Darüber hinaus könnte die Bibliothek stärker als Infrastruktur genutzt werden, etwa durch eine zunehmende Raumnutzung durch Initiativen und Vereine. Auch die Community könnte künftig noch stärker in Transformationsprozesse eingebunden sein, z. B. bei der Weiterentwicklung von Angeboten und Räumen. Zu erwarten ist auch eine Veränderung durch KI in internen Arbeitsprozessen sowie in der Nutzung von Services, beispielsweise Suchanfragen im Bibliothekskatalog in Form von Prompts. Diese könnten die Suche stärker dialogisch machen und passende Treffer schneller aufzeigen. Chatbots könnten Inhalte der Webseite in Sekundenschnelle auffindbar machen und Rückfragen dazu direkt beantworten. Dadurch könnten sich Erwartungen an Bedienbarkeit und Geschwindigkeit verändern; zugleich könnten die Anforderungen an Transparenz, Datenqualität und Medienkompetenz steigen. Parallel könnten physische Trägermedien wie CDs, DVDs und Blu-rays an Bedeutung verlieren, wenn sich das Nutzungsverhalten weiter in Richtung digitaler Angebote wie Streaming entwickelt und geeignete Endgeräte zum Abspielen physischer Medieneinheiten seltener werden.
Die Stadtbibliothek Hannover verbindet klassische Dienstleistungen mit Angeboten, die auf aktuelle Bedürfnisse der Stadtgesellschaft reagieren. Dazu gehören Leseförderung und kulturelle Programme (z. B. Lesungen, Ferien- und Aktionsformate, Angebote für Kinder und Jugendliche) ebenso wie Lern- und Arbeitsmöglichkeiten vor Ort (Einzelarbeitsplätze, Gruppenarbeitsbereiche, Internetplätze, Scannen/Kopieren sowie Fachauskünfte und Fernleihe). Ein Schwerpunkt liegt auf Medienbildung und digitaler Teilhabe. Beratung, Einführungen und Workshops zu digitalen Themen sowie Formate, die Technik praktisch erfahrbar machen (z. B. Angebote rund um 3D-Druck, Robotik oder VR im Rahmen der TechnoThek). Ergänzend gibt es Formate zur Methoden- und Kompetenzvermittlung (z. B. über die MethoThek), die alltags- und berufsbezogene Fähigkeiten aufgreifen. Wichtig sind außerdem Community- und Kooperationsangebote. Bibliotheken stellen Räume und Infrastruktur bereit, damit Initiativen und Vereine eigene Angebote umsetzen können (z. B. Repair-Formate). Ziel ist, Angebote so auszurichten, dass sie sozial inklusiv, zugänglich und für unterschiedliche Zielgruppen nutzbar sind.
Meine Leidenschaft für Bibliotheksarbeit wurde vor allem durch die Erfahrung geprägt, dass Bibliotheken Orte sein können, die man ohne konkretes Ziel aufsucht. Als offene Räume, die gegen Vereinsamung wirken und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.



