Interview mit Susanne Brandt MEIN JOB BIBLIOTHEK: Stimmen aus der Bibliotheks-Community, Porträt

Susanne Brandt – Abteilung „Medien – Themen – Projekte“, Team Lektorat, Landesverband Bibliotheken SH

 

Beruflicher Hintergrund & Werdegang.

So fangen viele Liebesgeschichten mit Bibliotheken an: Als Kind gab es kaum einen Tag, an dem ich nicht mal eben um die Straßenecke geflitzt bin, um in der nahen Stadtteilbibliothek zu stöbern oder mich mit anderen Kindern zu treffen. Bibliotheken sind Orte der Autonomie. Und in den 1970er Jahren gab es keine bessere Möglichkeit, um sich immer wieder mit spannenden Geschichten zu versorgen oder einfach zu erforschen, was man so alles wissen wollte, ohne dafür Taschengeld investieren zu müssen. Damit war zwar nicht gleich mein Berufswunsch geboren – aber als ich Anfang der 1980er Jahre überlegte, wie es nach der Schule weitergehen könnte, konnte ich mich nur schwer entscheiden, weil mich so vieles interessierte: Auf jeden Fall wollte ich mit Menschen zu tun haben. Und kreative Freiräume waren mir wichtig. Irgendwas mit Kunst, Musik und Literatur sollte es sein, aber auch mit Ökologie und sozialem Engagement. So landete ich dann tatsächlich bei dem Studienwunsch Bibliothekswesen – einerseits mit der Vorstellung, dass man in Bibliotheken so ziemlich alles das und noch viel mehr gebrauchen kann. Aber auch mit der Idee, dass nach dem vergleichsweise kurzen Diplom-Studiengang in Hamburg ja noch viele Wege zum Weiterstudieren offen bleiben. Ich habe das Studium also eher als Tür für vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten geplant. Und der nächste Schritt war auch schon im Blick: das Zusatzdiplom zur Musikbibliothekarin, das man damals nach einem speziellen Praxissemester mit Studienblöcken an der HdM in Stuttgart ablegen konnte. Das hängte ich dann 1986/1987 gleich dran.
Sofort danach – nur wenige Tage nach dem Studienabschluss in Stuttgart – klappte es dann mit dem Berufseinstieg: Ich bekam eine Stelle als Musikbibliothekarin an der Stadtbibliothek Cuxhaven. Als gebürtige Hamburgerin liebte ich das Meer und die Stelle kam meiner Freude an kreativen Lösungen entgegen: Ich sollte die noch junge Abteilung neu weiterentwickeln, mit Ideen und Leben füllen, und zwar mit Ausstrahlung in das gesamte, eher ländlich geprägte Elbe-Weser-Gebiet.
Da Musikbibliotheken sonst eher auf den Großstadt-Bedarf ausgerichtet sind, musste ich mir also etwas einfallen lassen – und entdeckte neben den ländlichen Chören und Musikschulen als Zielgruppe besonders die Unterstützung der musikalischen Früherziehung in den Kitas als neue und dankbar angenommene Aufgabe. Damit war klar: Ich musste für mich wieder etwas dazulernen. Also absolvierte ich berufsbegleitend beim Bildungswerk Rhythmik eine zweijährige Ausbildung zur Rhythmikpädagogin, was auch neben einer Vollzeitstelle gut funktioniert hat.
Damit fühlte ich mich dann umso motivierter, den Mitarbeitenden in den Kitas der gesamten Region passend ausgewählte Schätze der Musikbibliothek, kombiniert mit Bilderbüchern aus der Stadtbibliothek so zu erschließen, dass auch musikalisch Ungeübte merkten: Singen und rhythmisches Bewegen in Verbindung mit Sprache – das ist ja gar nicht so schwer. Und die Bestände der Bibliothek erwiesen sich dabei als echte Fundgrube für die tägliche Praxis.
Schon damals merkte ich: Bibliotheksarbeit muss sich in einem stets lebendigen kreativen Austausch mit Menschen aus anderen Berufsgruppen weiterentwickeln. Und man selbst sollte bereit sein,diese Weiterentwicklung auch für sich immer wieder als Herausforderung und Impuls für neue Qualifizierungen anzunehmen. Heute – mehr als 35 Jahre später – weiß ich: Das hört nie auf. Denn auch, als ich Ende 1999 von Cuxhaven nach Westoverledingen in Ostfriesland wechselte, um dort für weitere 12 Jahre ein kleines Zweigstellensystem auf dem Lande zu leiten, ging das berufsbegleitende Studieren bedarfsorientiert weiter: einerseits mit Kulturwissenschaften an der Fernhochschule und andererseits ganz praktisch mit einer Ausbildung zur Begleitung von Menschen mit Demenz – eben weil mir auch dieses Thema in der Praxis ganz konkret begegnete.

Und schließlich: Seit 2011 arbeite ich nun beim Landesverband Bibliotheken SH (früher: Büchereizentrale Schleswig-Holstein), wo der Bereich „Bildung für nachhaltige Entwicklung in Bibliotheken“ mit all seinen Facetten an beruflicher Bedeutung für mich gewonnen hat. Auch dabei fand ich nebenberuflich mit dem Fernstudium „Nachhaltigkeitsmanagement“ und Weiterqualifizierungen für globale und interkulturelle Fragen immer wieder Inspirationen für neue Lernerfahrungen.

Hier mehr über den Landesverband Bibliotheken SH erfahren.
Bildnachweis Beitragsbild Susanne Brandt: © Lothar Veit

 

Persönliche Erfahrungen

Der Beruf ist immer in Bewegung – und zwar mit den Menschen und ihren Anliegen. Das ist in meinen Augen das Besondere an der Arbeit in der Bibliothekscommunity. Und eben diese Community habe ich immer als durchlässig für Einflüsse aus anderen Berufsfeldern und gesellschaftlichen Entwicklungen definiert.
Für mich persönlich war es auch wichtig, den bibliothekarischen Anteil meiner Lebenszeit mit anderen Anliegen in den verschiedenen Lebensphasen sinnvoll zu verbinden. Ich habe durchgängig in der Bibliotheksbranche gearbeitet – aus vollem Herzen, aber auf eigenen Wunsch mit oft wechselnden Stundenanteilen, also viele Jahre in Teilzeit.

Denn da ich ebenso Freude am Schreiben und Lehren für verschiedene Verlage und Bildungsinstitutionen habe, ist mit der Zeit eine gewisse Zweigleisigkeit entstanden, die sich inhaltlich gut ergänzt, aber zeitlich sauber in Hauptberuf und Freiberuflichkeit bzw. Studium zu trennen ist. Und auch familiäre Belange sollen für mich immer den Platz finden, den sie gerade brauchen.
So empfinde ich es als Stärke in unserem Beruf – besonders in größeren Teams – dass gewisse Flexibilisierungen in der Lebensgestaltung oft recht gut mit betrieblichen Interessen in Einklang zu bringen sind.

Mit der beruflichen Schwerpunktsetzung „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ haben sich für mich in den letzten Jahren nochmal viele neue Fenster geöffnet und Netzwerke gebildet. Denn wie bei kaum einem anderen Arbeitsgebiet geht es hier um ein ausgeprägtes interdisziplinäres Denken. Man muss bereit sein, Zeit und Aufmerksamkeit auch für das nachhaltige Engagement anderer Initiativen – von der Wattenmeerstation bis hin zu Initiativen von Menschen mit Migrationsgeschichten – einzubringen in einen gemeinsamen Lern- und Entwicklungsprozess. Erst dann ergeben sich neue Chancen, mit Bibliotheken an umfassenden Transformationen mitzuwirken und zugleich das Bild von Bibliotheken in der Öffentlichkeit nachhaltig zu verändern. Kommunikationsbereitschaft und Engagement weit über die „Bibliotheksblase“ hinaus ist der Schlüssel dafür.

 

Sinnstiftung & Mehrwert.

Bei nachhaltigem Engagement liegt die Sinnstiftung ja schon auf der Hand – und auch dann, wenn man mit anderen Begrifflichkeiten von Bibliotheken und ihrem gesellschaftlichen Entwicklungspotential für Menschen in ihrer ganzen Vielfalt erzählt, erzählt man oft Geschichten von Teilhabe und Begegnungen, wie sie in Öffentlichen Bibliotheken als Dritte Orte ermöglicht werden.

Dabei steht für mich die so gern angeführte Informationsvermittlung gar nicht unbedingt an erster Stelle. Denn: Neuere Forschungen zeigen, dass der Zugang zu Informationen z.B. als Wegbereiter für nachhaltige, soziale wie gesellschaftliche Veränderungen kaum eine nachweisbare Wirkung erzielt. Vielmehr sind es Begegnungen und Erfahrungen des Miteinanders, die langsam etwas verändern und auch emotional bewegen können. Die größte Herausforderung sehe ich aktuell in der zunehmenden Polarisierung von Meinungen, ohne dass ausreichend Gelegenheit gegeben wird, tiefere Einsichten zu gewinnen, Dilemmata und Ambivalenzen auszuhalten, einfach mal ein ehrliches „Ich weiß es nicht“ zu riskieren bzw. zu akzeptieren. Und dann die Geduld aufzubringen, im Gespräch zu bleiben. Auch wenn das manchmal anstrengend ist.

Dass Bibliotheken sich zunehmend als einladende Begegnungsräume weiterentwickeln und dabei auch Raum lassen für Eigeninitiativen und Ideen aus dem Nutzerkreis geht m.E. in die richtige Richtung. Hier nimmt auch die vielzitierte „Demokratiebildung“ ihren Anfang: nicht durch die Bereitstellung von Fachinformationen, sondern durch die Öffnung für alltägliche Diskurserfahrungen in der Begegnung und Auseinandersetzung mit ganz verschiedenen Meinungen und Menschen.

 

Empfehlungen.

Ich kenne durch die vielen Jahre in diesem Beruf sehr viele Kolleginnen und Kollegen im In- und Ausland mit einer so großartigen Vielfalt an Talenten und Persönlichkeiten, dass ich da keine allgemeingültigen Empfehlungen geben mag und nicht wüsste, wo ich anfangen sollte mit der Aufzählung von hilfreichen Fähigkeiten und Qualitäten.

Da unsere Beruf so viele verschiedene Fachrichtungen, Arbeitsfelder und Anforderungen kennt, ist die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen vielleicht die wichtigste Voraussetzung für alles weitere. Auch halte ich eine ausgeprägte Teamfähigkeit, Kommunikationsbereitschaft und dauerhaftes Engagement für gute Zusammenarbeit im kleinen wie im erweiterten Rahmen für unerlässlich. Denn was immer wir tun – alles braucht wieder und wieder Verständigung und Absprachen für gemeinsame Ziele. Natürlich bleibt auch Platz für individuelle Lösungen und Arbeitsweisen auf dem Weg dorthin, mit denen man sich im Team gut ergänzen kann. Aber ich denke: Für Einzelkämpfer*innen ist das kein geeignetes Berufsfeld, zumal ich auch über das engere Team hinaus eine starke Berufs-Solidarität auf nationaler wie internationaler Ebene erlebe. In der weltweiten Bibliothekscommunity wird gern geteilt – nicht nur Informationen und Medien im Leihverkehr, sondern auch Erfahrungen, erfolgreich erprobte Methoden und Ideen aus der Berufspraxis. Selten erlebe ich dabei ein Konkurrenzdenken. Man sollte also in mehrfacher Hinsicht an einer Sharing-Kultur Freude haben und gern daran mitwirken, wenn man in diesem Beruf arbeitet.

 

Entwicklungen & Zukunftsaussichten.

Ich glaube, es ist fast überflüssig zu sagen: KI wird unseren Beruf – wie viele andere auch – tiefgreifend verändern. Lebenslanges Lernen – das gilt natürlich auch hier. Wenn ich allerdings heute auf fast 40 Berufsjahre zurückschaue, die in den ersten Jahren noch internetfrei mit Zettelkatalog und Datumsstempel in den Büchern funktioniert haben, kann ich sagen: Keine Angst vor großen Veränderungen! Mit Lust am Lernen entwickelt man ein Gespür dafür, was man sich zu welchem Zeitpunkt neu aneignen sollte. Und die Routine im täglichen Gebrauch kommt dann schneller als gedacht.

Gleichzeitig halte ich es aber auch nicht für hilfreich, zuerst auf neue digitale Tools zu schauen, wenn es um Zukunftsfragen und Trends geht. In meinen Augen bleiben das Werkzeuge – nicht mehr und nicht weniger.
Als Handwerkertochter weiß ich: Der geübte Einsatz des richtigen Werkzeugs spielt eine wichtige Rolle – aber entscheidend bleibt die Idee, was mit unserem gemeinsamen Engagement gestaltet werden soll, vielleicht den Alltag oder gar das Leben von Menschen schöner macht. Das bleibt auch für mich in unserem Beruf die entscheidende Zukunftsfrage – noch bevor ich mir Gedanken darüber mache, welches Werkzeug dafür jeweils nützlich sein könnte.

Manchmal ist es einfach ein Gespräch, das sich beiläufig in der inspirierenden Atmosphäre einer Bibliothek ergibt – und für einzelne Menschen so viel verändert.

 

Der Beruf ist immer in Bewegung – und zwar mit den Menschen und ihren Anliegen. Das ist in meinen Augen das Besondere an der Arbeit in der Bibliothekscommunity.

© Nommsensen

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