Thomas Jentsch – Leiter Stadtbibliothek Heidenheim an der Brenz
Beruflicher Hintergrund & Werdegang.
Wie und warum kam es dazu, dass Sie sich entschieden haben, Teil der Bibliothekscommunity zu werden? Ich kenne in meinem persönlichen Umfeld sonst keine Menschen, die über das Arbeitsamt zu ihrem heutigen Beruf gekommen sind, aber bei mir war das tatsächlich so. Ich habe nach dem Abitur und dem Zivildienst ca. zwei Jahre gejobbt und irgendwann dann dem Drängen der Mutter („Junge, mach was mit Deinem Abitur!“) nachgegeben und mich auf dem Arbeitsamt informiert, was ich denn so im Umkreis studieren könnte. Und da wurde mir dann eben in Stuttgart „Bibliotheks- und Informationswesen“ vorgeschlagen… Haben Sie eine bibliothekarische Ausbildung / Studium? Nach dem ersten Semester war ich kurz davor das Studium abzubrechen, weil die Inhalte teils doch recht dröge und veraltet waren. Nach dem ersten Semester war aber direkt das erste Kurzpraktikum angesetzt. Das habe ich in einer öffentlichen Stadtbibliothek gemacht und war total begeistert; mir war dann also klar, dass ich die folgenden sieben Semester problemlos überstehen werde, wenn ich dann danach in einer öffentlichen Bibliothek arbeiten kann. Das hat dann auch bündig geklappt, ich hatte meine erste Anstellung noch bevor ich mein Diplom in Händen hielt. Das war fast eine One-Person-Library in einer kleinen Ortschaft in der Nähe von Stuttgart, wo 25% meiner Vollzeitstelle die Kulturarbeit der Gemeinde beinhaltet hat. Und diese Veranstaltungsarbeit wurde dann über die Jahre eine Art „Steckenpferd“ meiner Arbeit. Nach ca. zwei Jahren wechselte ich zur Stadt Herbrechtingen, wo ich die Stadtbücherei leitete, später dann auch die Leitung der Volkshochschule übertragen bekam und im Kulturzentrum auch viel Veranstaltungsarbeit gemacht habe. Seit 2022 habe ich dann die Leitung der Stadtbibliothek Heidenheim übernommen, die auch ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm anbietet. Wie hat sich Ihr Verständnis und Ihre Wertschätzung für die Bibliotheksarbeit im Laufe Ihrer Karriere entwickelt? Mit den Jahren ist mir der Wert unserer Einrichtungen mehr und mehr bewusst geworden. Wie wichtig unsere vielseitigen Angebote sind und – auch wenns ein bisschen „cheesy“ klingen mag – wie „paradiesisch“ unsere Häuser sind. Ein Mikroabbild unserer Gesellschaft, das zeigt, wie nahezu problemlos unser aller Miteinander sein könnte: denn hier wuseln täglich die verschiedenen Altersgruppen durchs Haus, wir haben alle Einkommensstufen (vom Obdachlosen bis zur Chefärzt*in), verschiedenste Religionen, Hautfarben, sexuelle Orientierungen, Bildungsniveaus usw. – und wenn sich alle an ein Minimum an Regeln halten, kommen alle miteinander klar! Ein Träumchen… Hier mehr über die Stadtbibliothek Heidenheim an der Brenz erfahren. Bildnachweis Beitragsbild Thomas Jentsch: © Carsten BrandPersönliche Erfahrungen
Was schätzen / lieben Sie am meisten an Ihrer Arbeit in der Bibliothek? Es ist alles andere als ein typischer 9to5-Job, klar gibt es wiederkehrende (und auch ein paar nervige) Arbeiten, aber kaum ein Tag ist wie der andere. Man hat täglich mit den verschiedensten Menschen und deren Fragen/Wünschen zu tun und kann denen im Bestfall etwas anbieten bzw. helfen. Gibt es bestimmte Schlüsselmomente oder Erfahrungen in Ihrem beruflichen Werdegang, die Ihre Leidenschaft für die Bibliotheksarbeit geprägt haben? Ich vermute mal, dass ich so im Alter von sieben Jahren erstmals in der kleinen, kirchlichen Bücherei in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, war. Und schon da gab es so viel zu entdecken. Später dann ähnlich in der Schulbibliothek des Gymnasiums in der Stadt… Und in der kleinen Ortsbibliothek, in der ich die ersten beiden Jahre meines Berufslebens verbracht habe, fand ich es total cool, wie vielfältig auch da direkt die Arbeit war: von der Bastel- und Vorleseveranstaltung für kleine Kids, über den Literaturkreis für die Senior*innen bis hin zum Bestandsaufbau. Gibt es spezielle Programme, Projekte oder Veranstaltungen in der Bibliothek, die Sie besonders gerne durchgeführt oder unterstützt haben? Dass die Veranstaltungsarbeit zu einer Art persönlichem Steckenpferd geworden ist, sprach ich ja schon weiter oben an. Ansonsten mache ich bis heute auch besonders gerne Führungen durchs Haus – egal ob für Kindergartenkinder oder Erwachsene. Wenn man diesen Leuten, die vorher wohl nur ein diffuses Bild von unseren Angeboten hatten, dann nach und nach zeigt, was bei uns im Haus alles möglich ist, sind eigentlich immer alle begeistert. Ich sage auch gerne, dass wir an sich gewonnen haben, wenn die Leute erst mal bei uns im Haus sind. Toll war auch nach Jahren von den Erwachsenen angesprochen zu werden, die früher mal als Kids an einer Lesenacht in der Bibliothek teilgenommen haben. Wenn ein paar Wochen nach einer persönlichen Beratung die Kund*innen sich dann begeistert über eine Buch-/Film-/Album-Empfehlung bedanken, ist das natürlich auch immer ein schöner Moment.Sinnstiftung & Mehrwert.
Inwiefern empfinden Sie die Arbeit in der Bibliothek als besonders sinnstiftend oder bereichernd? Auch die Thematik wurde zu einem früheren Zeitpunkt im Interview schon gestreift. Man kann das natürlich nicht mit Leuten im z.B. medizinischen Bereich vergleichen, die täglich Menschenleben retten, aber man hat schon den Eindruck, dass man ein für die Gesellschaft wichtiges Angebot macht und es ist schön täglich Leuten weiterhelfen zu können. Manches davon ist eher passiv, dass wir eben als Ort mit einer sehr hohen Aufenthaltsqualität einfach Raum, W-LAN und Heizung/Klimatisierung anbieten, sobald es zum persönlichen Kontakt kommt, wird das dann aber aktiv. Gibt es besondere Initiativen oder Dienstleistungen, die Ihre Bibliothek anbietet, um die Bedürfnisse der Gemeinschaft zu erfüllen? Wir versuchen sowohl aktuelle Themen aufzunehmen als auch ein allgemein breites Angebot (in Relation zur Einwohnerzahl und unter Berücksichtigung des Medienetats) vorzuhalten. Das beginnt natürlich beim Bestandsaufbau, erstreckt sich aber auch auf Neuheiten im Buch- und Bildungsbereich (was kann bzw. brauchen wir Edurino, ne Vorleseeule, Galakto, Kekz, Shelfies usw.) und beinhaltet auch die Aufnahme von gerade aktuellen politischen, gesellschaftlichen oder sonstigen Themen. Auf Themen wie dem Rechtsruck, wachsendem Antisemitismus oder demokratiefeindlichen Tendenzen in der Gesellschaft haben wir bei uns mit Vorträgen, Argumentations-Workshops, Ausstellungen, Podiums-Diskussionen usw. reagiert. Ein weiteres, großes Thema der letzten Monate ist der Themenkomplex KI. Ein Besuch bei uns ist im Idealfall auch eine Inspiration sich mit etwas Neuem zu beschäftigen. Wir haben auch besonders viele Angebote im Bereich Spracherwerb und -förderung, so dass auch Leute die einen Migrationshintergrund haben ihre Sprachkompetenzen verbessern können. Wir verfügen zudem über einen Raum, den wir zu sehr günstigen Konditionen stundenweise vermieten, so dass auch finanzschwache Gruppen/Vereine kleinere Veranstaltungen bei uns im Haus abhalten können. Weiterhin versuchen wir uns mit möglichst vielen lokalen Gruppen/Vereinen zu vernetzen, bieten gerne Kooperationen an und sind stets offen für Neues!Empfehlungen.
Warum würden Sie anderen Menschen empfehlen, in der Bibliothek zu arbeiten? Es ist ein sinnvoller Beruf und wenn einem der tägliche Kontakt mit Menschen gefällt, dann ist die Öffentliche Bibliothek eine prima Option in Sachen Berufswahl. Haben Sie persönliche Empfehlungen oder Ratschläge für diejenigen, die sich für eine Karriere in der Bibliothek interessieren? Ein Praktikum wäre optimal, besser vielleicht sogar mehrere. Also z.B. eins in einer kleinen, ländlichen und zusätzlich eins in einer großen, städtischen; damit man eben die Breite erlebt. Welche spezifischen Fähigkeiten oder Qualitäten sind Ihrer Meinung nach wichtig, um erfolgreich in diesem Berufsfeld zu sein? Interesse an der Arbeit mit verschiedensten Menschen, eine gewisse Akribie (manche mögen es auch „Erbsenzählerei“ nennen) und ein gewisses Interesse an gesellschaftlichen Entwicklungen sind selbstverständlich. Ein breites Interesse an Medien aller Art ist ebenso hilfreich wie ein Herz fürs Lesen und die Buchwelt. Welche Rolle spielen Teamarbeit und Kommunikation in Ihrer täglichen Arbeit? Kommunikation ist in so vielen Bereichen das A und O, also sowohl beruflich, als auch privat. Und im Team macht es mir persönlich noch mehr Spaß; man inspiriert und motiviert sich da oft gegenseitig. Es gibt aber ja auch genügend Stellen in kleinen Gemeinden, wo man auch als Einzelkämpfer*in viel bewegen kann.Entwicklungen & Zukunftsaussichten.
Wie sehen Sie die Zukunft der Bibliotheksarbeit? Unserer Branche wird von ganz schwarz Sehenden ja schon seit Jahrzehnten der baldige Garaus prophezeit, seither gehts uns doch ganz gut!? Klar, die Ausleihen im Sachbuchbereich und Musik- und auch Hörbuch-CDs gehen (teilweise stark) zurück, dafür werden Bibliotheken immer wichtiger wenn es um öffentliche Räume ohne Konsumzwang und mit hoher Aufenthaltsqualität geht. Für finanzschwache Kund*innen, die daheim vielleicht kein eigenes Zimmer oder auch einen Schreibtisch haben, bieten wir die Möglichkeit in ruhiger Atmosphäre konzentriert zu arbeiten.Mit den Jahren ist mir der Wert unserer Einrichtungen mehr und mehr bewusst geworden. Wie wichtig unsere vielseitigen Angebote sind und – auch wenns ein bisschen „cheesy“ klingen mag – wie „paradiesisch“ unsere Häuser sind. Ein Mikroabbild unserer Gesellschaft, das zeigt, wie nahezu problemlos unser aller Miteinander sein könnte […].







